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Scheißjob?! Warum es Zeit wird, unsere Arbeit neu zu erfinden

Müde Gesichter am Morgen in der U-Bahn, die durch das Schunkeln zurück in ihre Träume fallen. Angestellte, die zur Stechuhr rennen, weil jede Minute zählt. Kollegen, die weinend im Büro zusammenbrechen, weil der Stress sie fertigmacht. Nein, der Berufsalltag der meisten von uns ist kein Zuckerschlecken. Dabei brachte der Wandel der Geschichte doch einige Teilsiege der Selbstbestimmung ein: Wen wir lieben und wie viele, ist allein uns überlassen.

Wie wir leben und was wir fühlen, geht niemanden etwas an. Wir können glauben, was wir wollen und aussprechen, was wir denken. Während wir im Privaten alle Freiheit haben, uns auszudrücken und zu verwirklichen, kreativ und spontan zu sein, zu probieren und zu erforschen, wirken in der Arbeitswelt ganz andere Kräfte. Denn in der Arbeitswelt kommen die Maxime der Selbstverwirklichung an ihre Grenzen. Ganz gleich, welche Branche, Bildungsschicht oder Steuerklasse – ob als Arbeiter, Angestellter oder auf Managementebene: in fast jedem Berufsstand herrschen noch preußische Tugenden.

Wie ein Uhrwerk ticken wir tagein tagaus, 24/7 erreichbar, auf Bereitschaft und am Wochenende, ganz automatisch und ganz selbstverständlich. Wir lassen uns von Chefs delegieren, die wir für Idioten halten. Geistesabwesend erledigen wir Routinejobs, die sonst keiner machen will. Wir ärgern uns über Zielvorgaben und Abgabefristen, die keiner erstellt hat und keiner begreift. Für eine Erwähnung im nächsten Mitteilungsblatt quetschen wir aber gerne noch ein paar Sonderaufgaben in den Terminplaner. Überstunden sind gar kein Thema, und um irgendwie weiterzukommen, nicht abgehängt zu werden oder sich so zu fühlen, muss zum Job noch ein duales Studium drin sein, selbstfinanziert versteht sich, oder wenigstens eine Weiterbildung, die perfekt in den Lebenslauf passt. Da muss doch noch mehr gehen, das kann doch nicht alles sein, war’s das denn schon?

Wer nicht den Herztod im Hamsterrad sterben will, der langweilt sich lieber zu Tode als etwas zu wagen. Der zieht sich auf seine Zuständigkeit zurück, erledigt seinen Dienst nach Vorschrift und gibt die Verantwortung allen Handelns einfach weiter. Der sitzt seine Zeit ab und wartet….auf das Wochenende, den nächsten Urlaub, die wohlverdiente Rente. Faktisch wird dann keine Entscheidung mehr getroffen, das Bewusstsein wird auf ein Mindestmaß heruntergedrosselt. Das geht mich alles nichts mehr an. Was kann ich schon ausrichten? Mich fragt ja eh keiner!

Der Höhepunkt innerbetrieblicher Auflehnung besteht höchstens noch in dem passiv-aggressiven Akt des Klopapierdiebstahls, im unauffälligen Krankfeiern oder in klammheimlichen Online-Privaterledigungen zwischen den Terminen. Sei es das eine oder das andere – die Flucht nach vorn für eine bessere Zukunft, von der wir nicht wissen, ob sie denn kommt oder der Rückzug in die eigene Bedeutungslosigkeit – es ist ein fauler Kompromiss. Es ist eine Überlebensstrategie. Denn während wir uns privat nicht mehr die Butter vom Brot nehmen und uns nicht mehr sagen lassen, wie wir zu leben haben, ist das Leitmotiv im Beruf ganz einfach Angst: die Angst um die eigene Existenz.

Um die Existenz zu sichern und am Ende des Monats durchatmen zu können, lassen wir uns auf einen ungleichen Deal von Leistung und Gegenleistung ein. Wir ertragen Arbeitsbedingungen ohne Murren, verharren in Arbeitsbeziehungen, die uns krank machen und lassen den Wettbewerb über unseren Wert als Arbeitnehmer entscheiden. Dabei geht es nicht nur darum, wirtschaftlich nicht aus dem Raster zu fallen. Vor allen soziale und gesellschaftliche Teilhabe, das Gefühl der Anerkennung, die lebenswichtige Suche nach Sinn im Leben durch Arbeit oder seinen Kindern einen Grundstein zu legen, sind wichtige Triebfedern beruflicher Selbstaufgabe.

„Der Eine trägt Holz, der Andere wärmt sich daran“

-Wilhelm Busch-

Dass der Mensch im Arbeitsleben zum Objekt gemacht wird, macht im historischen Kontext Sinn und lässt sich erklären. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wir müssen Arbeit neu denken und uns beruflich wiederentdecken. Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Die Leistungsgesellschaft ist am Ende

Übereifriges Engagement, persönlicher Verzicht und eine gefestigte Arbeitsmoral sind heute keine Garanten mehr für eine bessere Stellung, Prestige oder Vermögen. Während der Mensch zu Luthers Zeiten mit seiner Arbeitswut Gottgefallen erntete und es die Nachkriegsgeneration durch eigene Hände Arbeit zu Wohlstand brachte, wird man heute durch Arbeit nicht mehr reich. Und danken tut es einem auch niemand.

Dafür sind Aufstieg und Karriere deutlich herkunftsabhängiger in Anlehnung an verfügbares Kapital und geeignete, vorteilhafte Beziehungen geworden. Und auch der Erfolg hat sich vom Leistungsbegriff entkoppelt. Wenn die eigene Leistung gesellschaftlich also keine Rolle mehr spielt und gleichzeitig nicht mal mehr die Möglichkeit besteht, durch eine aufopfernde Arbeitsbereitschaft die eigene Lebenssituation zu verbessern, wozu sollen wir uns dann plagen und abrackern? Das unbedingte Pflichtbewusstsein hat keinen Adressaten mehr, es steht sich selbst im Weg. So brauchen wir eine neue Idee davon, wofür und wie wir arbeiten.

2. Sich einem stressigen Arbeitsrhythmus anzupassen und steigenden Anforderungen im Beruf gerecht zu werden, funktioniert auf Dauer einfach nicht mehr

Die Arbeitsausfälle wegen psychischer Belastungen sind drastisch gestiegen, die gesundheitlichen Konsequenzen von Stress und Fehlbelastung unlängst bekannt. Burnout als Schlaglichtbegriff ist mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und auch die viel gepriesene Flexibilisierung und Selbstoptimierung sowie verwaschene Vertragsmodelle, Niedriglöhne und die Aushöhlung gewerkschaftlicher Arbeit möchte ich an dieser Stelle nicht unbemerkt lassen. Und da das Leben generell unsicherer geworden ist und wir verstärkt auf Krisen allmöglicher Lebensbereiche reagieren müssen, können wir es uns schlichtweg nicht leisten, gegen uns selbst zu handeln.

Wir sind keine funktionalen Einheiten in der Wertschöpfungskette mehr, die beliebig einsetzbar und austauschbar sind. Wir sind menschliche Wesen, die im Arbeitsleben wie in allen anderen Lebensbereichen Beziehungen eingehen und gesundheitsfördernde Bedingungen benötigen, die den individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Potenzialen entsprechen.

3. Die Digitalisierung kommt, ob wir wollen oder nicht! Kurz gefasst bedeutet das, dass sich unser Leben, wie wir es bisher kannten, komplett umkrempelt und damit auch unsere Arbeit

Wir müssen nicht mehr denken, die Technik tut’s für uns. Heute scannt die Verkäuferin noch die Artikel an der Supermarktkasse ein, zukünftig sagt uns der Einkaufswagen selbst, wieviel es kostet. Wenn nicht der Kühlschrank schneller ist als wir und unsere Lebensmittel gleich nachbestellt. Den netten Bankberater am Schalter brauchen wir schon lange nicht mehr und wer hat das letzte Mal ein Buch in einer Buchhandlung gekauft? Einfache, routinierte Arbeiten werden verstärkt von Maschinen übernommen und damit kurzerhand arbeitslos machen. Wo der Mensch als Kostenfaktor eingespart werden kann und technische Lösungen Effizienz und Wertsteigerung versprechen, muss man sich Alternativen überlegen. Und da man gut beraten ist, nicht auf Politik oder Wirtschaft zu warten, ist es Zeit, selbst die Ärmel hochzukrempeln und der Held seiner eigenen Arbeit zu sein.

Die Entwicklungen und Herausforderungen der Arbeitswelt mögen für viele düster anmuten und sich unbequem anfühlen. Dennoch ist es absurd, zu glauben, dass unsere Identität und Individualität mit dem Dienstbeginn enden. Es ist absurd, weiterhin an der alten Arbeitswelt festzuhalten.

Vielmehr liegt in der Veränderung der Arbeitswelt eine Einladung, unser Verständnis von Arbeit zu erweitern. Denn wir sind frei von Tradition und Konvention. Wir müssen nicht Buße tun oder uns das Seelenheil verdienen. Wir müssen auch kein kriegszerstörtes Land wieder aufbauen. Wir sind nicht bedroht, wenn wir nicht im herkömmlichen Sinne arbeiten. Vielmehr sind wir bereichert, wenn wir Arbeit auf eine neue Ebene stellen, wenn Arbeit mehr ist als nur Maloche.

  • Was ist mit Familienarbeit?
  • Was ist mit gesellschaftlichem Engagement?
  • Was ist mit Kunst und Kultur?

Was ist, wenn wir uns trauen, im Zweifelsfall nichts zu verdienen. Wenn das Prinzip unseres Handelns nicht nur auf der Existenzsicherung beruht, sondern auf Werten wie Kreativität, Selbstverwirklichung und dem Gemeinwohl? Wenn wir aus dem Hamsterrad aussteigen und einen neuen Mehrwert schaffen. Einen, den wir selbst definieren. Einen, der uns widerspiegelt. Einen, mit dem wir uns treu bleiben können.


Zur Person:

Heidi Fischer ist Sozialwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt. Als Jobcoach unterstützt sie Menschen in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darauf, Selbstvertrauen für eigene Ideen und berufliche Wünsche aufzubauen und die individuellen Ressourcen aufzuspüren, die in jedem Menschen schlummern, um kreativ und selbstbestimmt zu arbeiten und zu leben.

Mehr erfahren Sie unter www.jobcoaching- fischer.de

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